Die Einkommensentwicklung spaltet westliche Gesellschaften — in der Schweiz liegt der Fall anders

Von Fabian Hock

Für Donald Trump stimmten längst nicht nur die Armen und die Hinterwäldler. Es war auch nicht die britische Unterschicht allein, die im Sommer jenes Band durchschlug, das die Insel am europäischen Festland festzurrte. Nicht nur die Ärmsten in Deutschland wählen AfD, in Frankreich den Front National. Es ist eine andere Gruppe, die mithalf, die Populisten in den westlichen Industriestaaten in den letzten Jahren gross zu machen: der Mittelstand.

Warum eigentlich? Das hat sich nun die UBS gefragt. Eine Antwort hat die Grossbank auch parat. Demnach ist der Grund für die Polarisierung in der unterschiedlichen Entwicklung der Einkommen zu suchen. Die Unterschiede seien bei der Mittelschicht besonders eklatant: Die wachsende Mitte in Schwellenländern verzeichnete in den letzten drei Jahrzehnten Einkommenszuwächse von bis zu 80 Prozent. 200 Millionen Chinesen, 70 Millionen Inder, Mexikaner, Brasilianer – die Globalisierung hat sich auf ihre Lohnausweise durchgeschlagen.

Im Westen sitzen die Verlierer

Anders in den westlichen Industriestaaten. Hier stagnierten die Einkommen der Mittelschicht. Die Menschen traten während dreissig Jahren auf der Stelle. Das Gefühl, abgehängt zu werden, lässt sich mit Zahlen belegen. Erhoben wurden diese vom Ökonomen Branko Milanovic. Die zugehörige Kurve wirkt, als wäre ein Elefant dafür Modell gestanden.

Am hinteren Ende des Elefanten stehen die Armen. Der Rücken des Dickhäuters steht für die Mittelschicht der Schwellenländer und ihre hohen Einkommenszuwächse. Weiter geht es über den Kopf, wo die Mittelschicht der Industrieländer beginnt. Ab hier geht es steil bergab, am Rüssel entlang. Dieser Tiefpunkt der Kurve zeigt an: Hier fand während dreissig Jahren keine Verbesserung der Reallöhne statt.

Für Daniel Kalt, Chefökonom von UBS Schweiz, liegt genau hier der Grund, warum es die Mitte der westlichen Gesellschaften an die Ränder treibt. Die Populisten in Europa und den USA bedienen demnach die Wut der Abgehängten und schüren Angst vor denen, die aufholen. Die von Donald Trump erdachte Mauer an der Grenze zu Mexiko stehe symbolisch dafür. «Es muss gelingen», sagt Kalt, «dass die Vorteile der Globalisierung besser verteilt werden.» Und hier ist freilich nicht die Verteilung zuungunsten der Ärmeren gemeint. Denn die Spitze des Rüssels zeigt wieder steil nach oben. Heisst: Die Einkommen der Reichsten sind angestiegen – was etwa in den USA den Sozialisten Bernie Sanders auf den Plan rief.

Wenig polarisierte Schweiz

Dass der Mittelstand hierzulande weniger polarisiert ist, liegt laut der UBS daran, dass sich die Einkommen in der Schweiz anders entwickelten. Im Gegensatz zu anderen Industrieländern legte der Mittelstand stark zu. Dies lässt sich zwar nicht in Nominallohnerhöhungen feststellen. Doch da die Teuerung in der Schweiz in den letzten Jahren sogar unter die Nulllinie rutschte – die Waren also günstiger statt teurer wurden –, hatten Schweizerinnen und Schweizer unterm Strich mehr Geld zur Verfügung. Dieser Effekt ist nicht zuletzt dem starken Franken geschuldet. Die UBS kommt so über die letzten sechs Jahre hinweg auf Zuwächse beim Reallohn von 1,2 Prozent. Das ist deutlich mehr als in den Jahrzehnten zuvor: Von 2000 bis 2008 lag die Reallohnsteigerung bei 0,7 Prozent, in den zehn Jahren davor bei 0,4 Prozent. Besonders die tiefen Einkommen profitierten in den letzten 25 Jahren von Zuwächsen von über 35 Prozent (siehe Grafik).

Als Gründe führt die UBS zum einen das duale Bildungssystem an: dieses ermögliche besonders in den tieferen Lohnregionen einen guten Zugang zum Arbeitsmarkt. Zum anderen habe der Schweizer Mittelstand enorm vom starken Franken und den von ihm durch tiefe Inflation angeschobenen Reallohn-Erhöhungen profitiert.

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) widerspricht indes der Darstellung der UBS in Sachen Zuwächse bei Geringverdienern. SGB-Chefökonom Daniel Lampart sagt auf Anfrage: «Nach unserem Modell bleibt bei niedrigen Einkommen nach Abzügen weniger Geld zum Leben.» Problematisch seien vor allem die hohen Krankenkassenprämien.
Zwar seien entgegen gewisser Absichten nach dem Frankenschock keine Lohnsenkungen beschlossen worden, so Lampart weiter. «Doch der Druck auf die Arbeitnehmer war etwa aufgrund von Kurzarbeit durchaus gross.»

Text in der Aargauer Zeitung