Alpiq verkauft ihre Swissgrid-Anteile — dahinter steckt die Frage, wie sich Versorger für die Zukunft rüsten sollen

Von Fabian Hock

Wer regelmässig Stammtische in Süddeutschland aufsucht, kommt am Kartenspiel «Schwimmen» nicht vorbei. Es geht so: Jeder Spieler bekommt drei Karten. Drei freie Karten liegen in der Mitte. Abwechselnd tauschen die Spieler je eine eigene Karte gegen eine der drei offenen. Die Spieler schieben sich gegenseitig Karten zu mit dem Ziel, eine möglichst hohe Punktzahl zu erreichen. Das schaffen sie, indem sie Karten desselben Werts oder derselben Farbe sammeln. Wer nach einigen Zügen glaubt, ein ausreichend gutes Blatt zu haben, klopft auf den Tisch. Der mit den wenigsten Punkten verliert. Wer dreimal verloren hat, schwimmt. Verliert der Spieler dann noch mal, ist er raus.

Das Besondere am «Schwimmen»: Um nicht zu verlieren, braucht es eine Strategie. Denn eine sinnvolle Kombination hat am Ende nur derjenige in der Hand, der schon früh auf die richtigen Karten setzt. Das ist das Prinzip des Beizenspiels. Verblüffend ist, wie viele Parallelen sich zum hiesigen Energiemarkt ziehen lassen.

Die Ausgangslage

Um das zu erklären, versetzen wir uns am besten an einen Ort, an dem man wegen seiner geografischen Nähe zu Süddeutschland das Kartenspiel sogar kennen könnte: nach Laufenburg. Noch wichtiger als die nahe Grenze ist jedoch der Umstand, dass Swissgrid hier den Hauptsitz hat. Die Netzgesellschaft spielt eine wichtige Rolle in unserem Spiel.
Es versammeln sich also die Spieler. Mit dabei: Axpo, Alpiq, BKW und Sireso. Letztere ist eine Investitionsgesellschaft von sechs Westschweizer Kantonen (siehe Box rechts), für unser Spiel jedoch weniger wichtig. Die Karten in den Händen der Spieler stehen für ihre jeweiligen Geschäftsmodelle. Ziel ist nichts weniger als das wirtschaftliche Überleben.

Die drei Versorger in der Runde sortieren ihr Blatt schon eine ganze Weile. Und besonders Alpiq und Axpo zappeln dabei verdächtig nervös auf ihren Stühlen herum. Sie sind alles andere als glücklich mit ihrer Hand. Verständlich, denn beide sind im Besitz zweier Karten, die zumindest im Moment wenig Aussicht auf Erfolg haben – und die sie auf die Schnelle auch nicht für etwas Besseres eintauschen können. Darauf abgebildet: je ein Wasser- und ein Atomkraftwerk.

Altes Blatt zieht nicht mehr

Die beiden haben sich ihre Hand in einer Zeit zusammengestellt, in der auf dem Energiemarkt andere Regeln galten. Atomstrom verkaufte sich bestens und die Pumpspeicher im eigenen Portfolio waren reinste Perlen. Nachts pumpten die Betreiber für kleines Geld Wasser auf den Berg, zu den Mittagsspitzen schoss es durch die Fallrohre in die Turbinen. Daran verdienten die Betreiber so gut, dass sie pausenlos Lokalrunden hätten schmeissen können. Das ist jedoch vorbei. Heute ist mit dem Blatt nichts mehr zu gewinnen. Billiger Kohlestrom, staatlich unterstützte Solar- und Windenergie aus Deutschland und der tiefe Ölpreis machten den Versorgern ihr Modell zunichte. Strom ist heute derart billig, dass viele grosse Kraftwerke nicht mehr rentieren.

Eine Sonderstellung hat die BKW. Ihr Ass im Ärmel: anders als Axpo und Alpiq haben die Berner private Endkunden. Diese sind im regulierten Markt gefangen, können sich ihren Stromanbieter also nicht aussuchen – im Gegensatz zu den Grosskunden von Axpo und Alpiq. Die Kleinabnehmer müssen den Preis zahlen, den die BKW veranschlagt.

Das Spiel beginnt

Die altbewährten Modelle sind also am Ende. Die Versorger brauchen neue. Ziel ist es, aus der veränderten Ausgangslage heraus das sinnvollste Portfolio zusammenzustellen. Das bedeutet: Die Spieler müssen ihr Blatt umbauen. Am schnellsten hat das die BKW erkannt, darin sind sich viele Beobachter einig. Chefin Suzanne Thoma hat bereits in früheren Runden ihre Ladenhüter gegen zukunftsträchtigere Karten getauscht: Die Berner setzen schon länger voll auf erneuerbare Energien, ein breites Angebot an Dienstleistungen und auf Energieeffizienz.

Der neueste Zug wurde gestern bekannt: Die BKW schnappte sich die 30-Prozent-Beteiligung an Swissgrid, die Alpiq zuvor in die Mitte geschoben hatte. Jetzt besitzen die Berner mit 37 Prozent den grössten Swissgrid-Anteil.
Noch eine Runde vorher hatte Alpiq bereits die Wasserkraft-Karte gespielt – und die Hälfte des Portfolios zum Verkauf gestellt. Dass sich die Begeisterung darüber bei den Mitspielern in Grenzen hielt, die Swissgrid-Karte jedoch Alpiq förmlich aus der Hand gerissen wurde, zeigt: Das Geschäft von Swissgrid scheint auch im neuen Energieumfeld zu rentieren.

Stromnetz-Karte wird wertvoller

In der Tat könnte der Betrieb von Stromnetzen einer der wenigen Bereiche der neuen Energiewelt sein, in dem sich auch künftig noch Geld verdienen lässt – bei den grossen Übertragungsnetzen der Swissgrid, aber vor allem auch auf den kleineren Ebenen. Das hat damit zu tun, dass die dezentrale, unregelmässige Einspeisung von Strom aus Solar- und Windkraftanlagen und bald auch die Integration von Elektroautos ins Stromnetz wesentlich mehr Steuerung verlangt als die alte, zentrale Einspeisung von einigen wenigen Grosskraftwerken.

Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin – übrigens eine Süddeutsche – setzt nicht auf die Übertragungsnetze. Sie verzichtet auf die «tiefen, aber immerhin stabilen Erträge», die diese abwerfen – und die BKW-Chefin Thoma laut eigener Aussage zum Kauf verleitet haben. Die BKW macht ihr Geschäftsmodell damit noch stabiler. Sie kann sich solch strategische Optionen erlauben, weil sie nicht aus der Not heraus handeln muss. Anders als Alpiq.

Gefährlich nah am schwimmen

Noch schwimmt die Alpiq zwar nicht, aber sie braucht Geld. Viel Geld. Die Erlöse aus den Verkäufen von nichtstrategischen Beteiligungen sollen dem durch Milliardenabschreiber auf Kraftwerke in Bedrängnis gekommenen Konzern wieder etwas Luft verschaffen. Dass man sich nun von einem auf lange Sicht stabil erscheinenden Geschäft zurückzieht, könnte sich für Alpiq jedoch noch rächen.

Die Axpo wiederum hat gepasst, als Alpiq die Karte mit den Netzen anbot. «Geschoben», wie man unter «Schwimmern» sagt. Axpo besitzt bereits ein knappes Drittel der Anteile an Swissgrid – und hat ausserdem gerade eine Karte aufgenommen, die zumindest während der nächsten Jahre wenig Freude bereiten dürfte. Auf ihr zu sehen: das Pumpspeicherwerk Linth-Limmern im Kanton Glarus.

Im Moment sind die Rollen am Tisch klar verteilt: Die Berner BKW hat das beste Blatt. Axpo und Alpiq brauchen noch Zeit, um zu sortieren. Das Problem beim Schwimmen jedoch ist: irgendwann klopft jemand. Und wer dann nicht parat ist, säuft ab.

Text in der Aargauer Zeitung