Von Fabian Hock
Bertrand Piccard und sein Schweizer Landsmann André Borschberg sind einmal um die Erde geflogen. Abgewechselt haben sie sich in der Ein-Mann-Kabine während der mehr als 500 Stunden in der Luft. Nicht einen Tropfen Treibstoff haben die beiden gebraucht. Allein die Energie der Sonne, Speicher und jede Menge Steuerungstechnik waren nötig. In einem Flugzeug zu fliegen, das ewig in der Luft sein kann, fühle sich an, als sei man 30 Jahre in der Zukunft, sagte Piccard vor einigen Wochen der Technikzeitschrift «Wired». Und wenn er lande, dann denke er: «Wow, die benutzen hier immer noch Verbrennungsmotoren!» Es fühle sich dann so an, als käme er zurück in die Vergangenheit.
Für die saubere Energie
Dort ist der 58-Jährige nun wieder gelandet. Gestern in den frühen Morgenstunden setzte das rein solarbetriebene Flugzeug Solar Impulse 2 in Abu Dhabi auf. Mit Piccard am Steuer. «Ich kann nicht glauben, dass ich gelandet bin, 13 Jahre, nachdem ich geträumt habe, ohne Treibstoff um die Welt zu fliegen», liess er Interessierte und Bewunderer nach der Landung via Twitter wissen. Gleich darauf posierten Piccard und Borschberg mit Schweizer Flagge, Doris Leuthard und dem Fürsten von Monaco für die Weltpresse. Selbst UN-Generalsekretär Ban gratulierte – und wurde pathetisch: «Das ist ein historischer Tag – nicht nur für Sie, sondern für die Menschheit.»
Der Mann aus der Zukunft hat vor allem eine Botschaft von seiner Reise mitgebracht: Die künftige Energieversorgung ist sauber. Dieses Credo hat die Solar Impulse 2 vor sich her getragen auf ihrem Flug über Wüsten und Gebirgsketten. Auch beim Ritt über den Atlantik und auf der Königsetappe über den Pazifik. Während des Überflugs von Japan nach Hawaii im letzten Jahr sass Borschberg fast fünf Tage lang in der sardinenbüchsengrossen Kabine des Sonnenfliegers. Piccard steuerte das elegante Fluggerät vor wenigen Wochen innert knapper drei Tage von New York ins spanische Sevilla.
Während des Flugs, der wegen der unplanmässigen Überwinterung auf Hawaii mit neunmonatiger Verspätung in Abu Dhabi endete, musste sich Kapitän Piccard einiges anhören. Von einem Fehlschlag war die Rede, als klar war, dass die Solar Impulse eine Zwangspause braucht. Durch den tagelangen Flug nach Hawaii überhitzten die Batterien. Der Zwischenstopp kostete Millionen.
Kein normaler Abenteurer
Der gebürtige Lausanner Piccard liess sich jedoch nicht von seinem Vorhaben abbringen. Er glaubte fest an seine Vision. Und zog es durch. Die Beharrlichkeit verbindet ihn mit anderen Abenteurern – ein gewöhnlicher Adrenalinjunkie ist er trotzdem nicht. Piccards Flug ist mehr als der medienwirksam inszenierte Stratosphärensprung eines Felix Baumgartner, mehr als die Weltumfahrung in einem Propangas-befeuerten Ballon, an der Piccard selbst Ende der Neunziger-jahre teilnahm.
Was das Solar-Impulse-Projekt von anderen waghalsigen Expeditionen unterscheidet, ist der Sonnenantrieb. Piccard und sein Team haben gezeigt, was heute bereits möglich ist. Der Erfolg des Vorhabens ist denn auch, trotz der Rückschläge, die man wegstecken musste, ein Triumph für die gesamte Branche der erneuerbaren Energien. So gesehen, geht es bei Solar Impulse um weit mehr als die Selbstverwirklichung eines Extremsportlers. Der Solarflieger ist ein Versprechen an die Zukunft.
Fliegendes Microgrid
Warum, erklärt Conor Lennon. Der ehemalige Journalist begleitete das Projekt von 2012 bis zur Überwinterung 2015 im Solar-Impulse-Team. Seit dem Unterbruch auf Hawaii macht er die Öffentlichkeitsarbeit für einen der wichtigsten Projektpartner – die Schweizer ABB. Lennon sagt: «Solar Impulse ist ein fliegendes Microgrid.» Ein Flugzeug, das seine eigene Energie erzeugt, speichert und von einem Kommandostand am Boden reguliert wird. ABB setzt voll auf diese Form der autonomen Stromversorgung, die Elektrizität an die entlegensten Orte bringt und Flugzeuge, Häuser oder ganze Gebäudekomplexe zu Selbstversorgern macht. Alles erneuerbar, ohne Schadstoffausstoss. «Die Technologie», sagt Lennon, «ist schon da.» Das zeige Piccards und Borschbergs Weltumrundung – auch wenn diese nicht wie am Schnürchen geklappt habe. Dass sie funktioniert, sei ein wichtiges Zeichen an die Industrie und auch an Politiker. Beide zusammen entscheiden letztlich darüber, wie es auf absehbare Zeit weitergehen soll mit den erneuerbaren Energien.
Vorteil Schweiz
Dass Schweizer Unternehmen durch ihr Mitwirken an diesem prestigeträchtigen Projekt bereits den Fuss in die Tür gestellt haben, ist, neben der sicheren Landung der beiden Solarpioniere, eine gute Nachricht. Denn bei aller Freude über das gelungene Projekt: Es ist erst der Anfang. Das machte Piccard gestern nach der Landung deutlich.
Klar ist: Der Solarflieger hat nicht einmal die Hälfte der Flugstunden abgespult, für die er konzipiert wurde. Rund 1300 von angedachten 2000 wären demnach noch drin. Die verbaute Solartechnologie soll weiter getestet werden, zum Beispiel, um Fortschritte auf dem Gebiet des autonomen Fliegens zu machen. Solar Impulse 2 könnte also einen Beitrag zur Entwicklung einer sonnenbetriebenen Flugdrohne leisten. Eine solche testet bereits der Internetriese Facebook. Aquila, wie das unbemannte Fluggerät heisst, soll Internet in schwer zugängliche Gegenden bringen.
Der Erfolg des Solar-Impulse-Projekts dürfte indes nicht nur die Initiatoren, sondern auch die beteiligten Firmen zum Weitermachen bewegen. ABB-CEO Ulrich Spiesshofer nannte das geglückte Unterfangen gestern «eine wahrhaft historische Leistung mit enormer Symbolkraft». Sie zeige eindrucksvoll, «dass wir mit Pioniergeist und sauberen Technologien die Welt bewegen können». Hier ist auch von Schweizer Seite noch einiges zu erwarten.