Im Falle des Brexit fürchtet Shahajahan Ali um die Rechte der Arbeiter. Die zunehmende Privatisierung macht ihm Sorgen

Von Fabian Hock, London

Shahajahan Ali sitzt in einem Coffeeshop im Herzen von London und kann kaum glauben, was er auf dem Handy sieht. Ein weisses Schaf kickt ein schwarzes aus dem Land, ein Plakat mit dunklen Minaretten, die eine Schweizer Flagge durchlöchern – «das ist legal bei euch?», fragt er.

Die Briten sind sich diese Art der politischen Stimmungsmache nicht gewöhnt. Vor dem EU-Referendum am Donnerstag erleben sie sie jedoch zunehmend am eigenen Leib. Nigel Farage, der Chef der rechtspopulistischen Ukip und einer der führenden Köpfe der Brexit-Bewegung, welche die Insel auch politisch vom europäischen Festland lösen will, posierte kürzlich stolz vor einem Plakat, das einen endlosen Strom dunkelhäutiger Menschen zeigt, darunter der Hinweis auf das Versagen der EU.

Überzogene Kampagne

«Das hat doch nichts mit der Abstimmung zu tun», schimpft Ali. «Wir sind nicht einmal Teil des Schengen-Abkommens!» Hier gehe es einzig um das Schüren von Ängsten. Und das hält Ali für ein gefährliches Spiel. Die Stimmung, die die EU-Gegner im Land erzeugt hätten, habe bedenkliche Ausmasse angenommen. Vor allem die einschlägigen Medien, die in Grossbritannien in politischen Fragen wesentlich stärker Position beziehen als anderswo, hätten einen grossen Beitrag dazu geleistet. Ali spricht von einem vergifteten Klima, von zunehmender Hetze gegen Migranten, von Übergriffen auf Muslime und auf Juden in Londons Strassen. Die politisch motivierte Gewalt gipfelte in dem brutalen Mord an der Linken-Politikerin Jo Cox vor wenigen Tagen. Ali gibt der aufgeheizten Stimmung und damit indirekt auch den Medien und Teilen der Brexit-Bewegung eine Mitschuld an der Tragödie. Er steht mit dieser Meinung nicht allein.

Dienst an der Gesellschaft

Ali ist 34 Jahre alt, in London geboren und Primarlehrer an einer öffentlichen Schule. Seine Eltern kamen aus Bangladesh nach England. Sie hatten nichts, lebten von Sozialhilfe. Die Hilfsbereitschaft der Engländer habe ihn geprägt. Heute wolle er der Gesellschaft dafür etwas zurückgeben, sagt Ali. Wie seine Brüder und seine Schwester arbeite er deshalb im sozialen Bereich. Als gebildeter Städter mit Migrationshintergrund verkörpert er den typischen linksliberalen Remain-Wähler. Ob er sich als Europäer fühlt? «Ich bin Brite», entgegnet er. «Vielleicht fühle mich ein wenig europäischer als viele andere, aber letztlich bin ich Brite.»

Während Ali an seinem Tee nippt, erklärt er, warum er am Donnerstag für das Fortbestehen der EU-Mitgliedschaft Grossbritanniens stimmen wird. Für den intelligenten und wortgewandten Londoner ist die EU die letzte verbliebene Bastion zum Schutz von Arbeiterrechten in Grossbritannien. Die zunehmende Privatisierung etwa im Gesundheits- und Schulwesen hält er für eine schlechte Entwicklung. Profitieren würden ausschliesslich die reichen Schichten und Unternehmen, mit denen die politische Klasse von rechts bis links in den letzten Jahren immer stärker angebandelt habe. Migranten und gewöhnliche Arbeiter würden so immer weiter abgehängt. London, sagt er, habe sich stark verändert in den letzten fünf Jahren. Die multikulturelle Stadt werde in ihrem Kern immer uniformer. Ärmere Leute würden aus dem Zentrum in die Vorstädte oder gleich bis hoch nach Manchester gedrängt. Gebe es nicht die EU mit ihren Vorschriften zum Schutz von Teilzeitarbeitern, jungen Müttern und Vätern und Niedriglöhnern, würde diese Entwicklung an Fahrt gewinnen, fürchtet er.

EU als Mittel zum Zweck

Ein bedingungsloser Verfechter der EU ist Ali indes nicht. «Mir wäre es lieber, wir würden all das selbst regeln», sagt er. Doch für besseren Schutz der Arbeiterrechte fehle es in Grossbritannien schlicht an politischem Willen. Was für Brexiteers eine Zumutung ist, nämlich Eingriffe eines weitgehend undemokratischen Gebildes wie der EU in den politischen Prozess einer der ältesten Demokratien der Welt, sieht Ali pragmatisch: Selbst das undemokratische britische Oberhaus, das House of Lords, pfeife ab und an das Parlament zurück, wenn dieses die Rechte der Arbeiter beschneiden will. Wer letztlich für deren Schutz eintritt, ist für Ali zwar nicht unwichtig, aber doch zweitrangig.

Besonders optimistisch, was die Abstimmung vom Donnerstag angeht, ist Ali allerdings nicht. Er hält den Brexit für wahrscheinlich. Persönlich fühlt er sich als Lehrer zwar noch gut geschützt. Leiden würden jedoch die anderen Mitarbeiter an Schulen, etwa die Hausmeister und die Köchinnen. Und die voranschreitende Privatisierung, glaubt er, wird auf lange Sicht auch vor seinem Beruf nicht Halt machen. Wichtiger sind ihm jedoch die anderen. So ist er aufgewachsen.

Schadensbegrenzung

Seit Kurzem will er seine Ideale auch politisch einbringen. Vor ein paar Jahren habe das noch anders ausgesehen, erzählt er. Seine Freundin habe ihn dazu gebracht. Nach der Wahlniederlage vor einem Jahr, die dem konservativen David Cameron eine weitere Amtszeit bescherte und wegen seiner Versprechung das Referendum über die EU-Mitgliedschaft überhaupt erst aufs Tableau brachte, trat Ali der britischen Arbeiterpartei Labour bei. Sollte der Brexit tatsächlich kommen, hofft er, seine Partei gewinnt die anschliessenden Parlamentswahlen. So könne der Schaden wenigstens in Grenzen gehalten werden.

Portrait in der Aargauer Zeitung