Der Mord an Jo Cox dürfte die Brexit-Debatte verändern. Ermittelt wird in rechtsextremen Kreisen
von Fabian Hock, London
Ein Blumenmeer bedeckt den Platz vor dem Parlament. Die Flaggen an Westminster, Buckingham Palace und der City Hall wehen auf halbmast. London trauert. Und ganz Grossbritannien steht unter Schock. Wie anders soll man es nennen, wenn eine Woche vor der wichtigsten Abstimmung der jüngeren Zeit, deren Ausgang heute vollkommen unklar ist, alle Parteien ihre Kampagnen vorübergehend aussetzen? Premierminister David Cameron strich einen Auftritt in Gibraltar, an dem er für das Fortbestehen der EU-Mitgliedschaft seines Landes weibeln wollte. Auch die Befürworter des Brexit, des Austritts der Briten aus der europäischen Staatengemeinschaft, sagten ihre Auftritte ab. Schockstarre, auch wenn es etwas abgedroschen klingt, trifft doch am besten auf das zu, was das politische Grossbritannien gerade erlebt.
Der Grund ist der unfassbare Mord an der jungen Labour-Abgeordneten Jo Cox. Auf brutalste Art und Weise wurde die Mutter zweier kleiner Kinder vorgestern aus dem Leben gerissen. Der 52-jährige Thomas Mair, ein «Loner», wie die Briten sagen, ein Einzelgänger, der Verbindungen zur rechtsextremen Szene haben soll, tötete Cox nach einem Wähleranlass. Laut Augenzeugen soll er mehrfach «Britain first», den Namen einer rechtsextremen britischen Partei, gerufen haben, während er zweimal mit einer als «antik» beschriebenen Pistole auf die Politikerin schoss, sich auf sie stürzte und mehrfach mit einem Jagdmesser auf sie einstach. Anschliessend schoss er der jungen Frau in den Kopf.
Rechtsextreme Tat?
Im Laufe des gestrigen Tages mehrten sich die Anzeichen, dass der psychisch kranke Mair Verbindungen zur rechtsextremen Szene hat. So soll der als ruhiger und freundlicher Nachbar beschriebene Mann rechten Gruppierungen Anleitungen zum Bau von Bomben und selbst gebauten Waffen abgekauft haben, wie eine englische Abendzeitung gestern schrieb. Die Polizei in West Yorkshire teilte derweil mit, dass die Tat vermutlich geplant war – und ermittelt dabei im rechtsextremen Bereich. Dass Mair politische Motive für seine Tat hatte, ist allerdings noch nicht offiziell gesichert.
Noch sitzt der Schock tief, doch die Fragen nach den Absichten des Täters werden lauter werden. Denn Jo Cox, die vor ihrer politischen Karriere bei der Hilfsorganisation Oxfam arbeitete, setzte sich vehement für einen Verbleib Grossbritanniens in der EU ein. Genau für dieses Engagement musste Cox, genau wie viele ihrer Kollegen, übelste Beschimpfungen, Anfeindungen und Drohungen über sich ergehen lassen. Die konservative britische Zeitung «Times» zitierte gestern etwa einen engen Freund und Parteikollegen, der mit Cox ein Büro in London teilte, mit den Worten, Parlamentsabgeordnete schlügen derzeit in aussergewöhnlichem Masse Gift und Galle entgegen. Die Berichterstattung in einigen Medien über die EU-Debatte habe auf einige Leute wie ein Freifahrtschein zur Beleidigung von Abgeordneten gewirkt.
Einfluss auf Debatte
Gut möglich also, dass der Mord an Jo Cox die völlig aus den Fugen geratene Debatte um die EU-Mitgliedschaft der Briten nachhaltig beeinflussen wird. Viele Vertreter des «Bremain»-Lagers, also der Befürworter eines Verbleibs («remain») Grossbritanniens in der EU, halten das für längst überfällig. Denn die Wortwahl einiger Brexit-Exponenten habe in den vergangenen Tagen und Wochen nicht nur die Grenze des guten Geschmacks durchbrochen, sondern auch jene zur politischen Hetze. So enthüllte der Chef der rechtspopulistischen Ukip, Nigel Farage, just vorgestern das neue Referendums-Plakat seiner Partei, das Kritiker als wiederbelebte Nazi-Propaganda deuten. Auf ihm zu sehen: ein nicht enden wollender Flüchtlingsstrom zusammen mit dem Hinweis auf ein Versagen der EU.
Dass die Stimmungsmache der Leave-Kampagne Leute im Extremfall zur Anwendung von Gewalt veranlassen könnte, lassen Brexit-Befürworter indes nicht gelten. Ein EU-Gegner beschreibt es gegenüber der «Nordwestschweiz» so: Die aufgeheizte Stimmung habe nicht Ukip generiert – sie habe sich über Jahre entwickelt. Schuld daran seien Misswirtschaft und unverständliche EU-Treue der Bremain-Leute, die die Menschen bis an den Rand der Gesellschaft und darüber hinaus getrieben hätten.